KI-Zukunftsaussichten in WordPress
Die Infrastruktur steht. Die Frage ist, was daraus wird. In unserem Beitrag „KI in WordPress: was seit Version 7.0 wirklich möglich ist“ haben wir erklärt, welche Bausteine mit „Armstrong“ in den Core gekommen sind: eine Leitung zu den Modellen, ein zentraler Ort für die Zugangsdaten – und ein Verzeichnis, in dem eine Website eintragen kann, was sie zu tun vermag.
Das ist der Stand. Die interessantere Frage kommt danach: Was fängt man damit an?
Die Plugin-Landschaft ist heute noch dünn. Das ist der normale zeitliche Versatz: Infrastruktur ist immer vor ihrer Nutzung fertig. Bemerkenswert ist aber, wie präzise sich schon jetzt beschreiben lässt, was auf dieser Grundlage entstehen wird. Der folgende Ausblick ist keine Science-Fiction. Er ist die Aufzählung dessen, was mit den vorhandenen Bausteinen gebaut werden kann.
Der Editor: vom Textknecht zum Lektor
Was heute schon geht (Absätze ausformulieren, Auszüge erzeugen, einen Text umschreiben, ohne den Umweg über ein externes Werkzeug), ist die naheliegendste, aber langweiligste Stufe. Sie spart Klicks. Sie verändert nichts an der Arbeitsweise.
Die nächste Stufe ist eine andere: Eine KI, die nicht schreibt, sondern anmerkt. WordPress 7 bringt einen Modus mit, in dem Hinweise als Vorschläge im Text hinterlegt werden. So, wie es ein Lektor täte. Nichts wird überschrieben, nichts veröffentlicht, es entsteht eine Randspalte mit Einwänden, über die ein Mensch entscheidet.
Das klingt bescheidener und ist in Wahrheit der größere Schritt. Denn Texte generieren kann jedes beliebige Werkzeug im Browser-Tab nebenan. Was bislang fehlte, ist ein KI-Einsatz, der in einer echten Redaktion Bestand hat. Und das ist keiner, der Inhalte produziert, sondern einer, der Qualität sichert.
Prüfung statt Produktion, konkret: Vor dem Veröffentlichen-Button lässt sich eine Kette von Prüfungen einhängen. Tonalität und Hausstil, interne Verlinkung, veraltete Zahlen, fehlende Bildbeschreibungen, rechtliche Stolpersteine. Jede Prüfung ist eine benannte Fähigkeit, jede lässt sich einzeln zu- oder abschalten. Was hängen bleibt, sieht der Mensch.
Inhalte, die ihr eigenes Altern melden: Ein nächtlicher Durchlauf findet tote Links, überholte Jahreszahlen und Beiträge, die auf längst eingestellte Produkte verweisen, und legt Aktualisierungsentwürfe an. Wer schon einmal eine gewachsene Website mit fünfhundert Beiträgen geerbt hat, weiß, dass diese Arbeit sonst nie gemacht wird.
Und die Frage ans eigene Archiv: „Haben wir zu diesem Thema schon einmal etwas geschrieben?“ Bei fünfhundert Beiträgen weiß das niemand mehr im Kopf. Die Website schon, wenn man sie fragen kann.
Barrierefreiheit: der Alternativtext war nur der Anfang
Automatisch erzeugte Bildbeschreibungen sind das Vorzeigebeispiel jeder KI-Demo, und sie sind tatsächlich nützlich. Für die Barrierefreiheit und für die Auffindbarkeit gleichermaßen.
Interessanter wird es eine Ebene darüber. Barrierefreiheit scheitert in der Praxis selten am guten Willen, sondern an der Dauerhaftigkeit: Ein Audit stellt einmal Mängel fest, drei Monate später hat die Redaktion neue produziert. Eine Prüfung, die bei jedem Speichern mitläuft (Überschriftenhierarchie, aussagekräftige Linktexte, Kontraste, Formularbeschriftungen), verschiebt das Problem von der Kontrolle zur Vermeidung.
Und die Stufe darüber: eine Fassung in Leichter Sprache als vorbereitete Alternativversion einer Seite, gepflegt neben dem Original statt in einem vergessenen PDF. Für viele Anbieter ist das keine Kür mehr, sondern eine Anforderung.
Im Shop: nicht mehr Texte, sondern bessere Daten
Der offensichtliche Anwendungsfall lautet: Produktbeschreibungen für hunderte Artikel auf einen Schlag erzeugen. Das funktioniert. Und ist zugleich der Punkt, an dem am meisten schiefgeht. Frei erfundene Produkteigenschaften sind kein theoretisches Risiko, sondern der Normalfall, wenn ein Sprachmodell ohne Faktengrundlage schreiben soll.
Der Fortschritt liegt deshalb woanders: darin, den Text an die hinterlegten Attribute zu binden und ihn anschließend gegen das Datenblatt zu prüfen. Erst diese Rückkopplung macht aus einer Spielerei ein Werkzeug.
Was auf derselben Grundlage möglich wird:
Datenqualität statt Textmenge: Produkte ohne Bild, ohne Maßangabe, ohne Alternativtext; Beschreibungen, die den Attributen widersprechen; uneinheitliche Größenangaben zwischen zwei Lieferanten. Das ist stumpfe Arbeit, die deshalb liegen bleibt – und die sich exakt beschreiben lässt.
Informationen, die endlich ausgewertet werden: Retourengründe, Rezensionen, Kommentare im Bestellprozess. Diese Daten liegen in jedem Shop herum und werden selten angeschaut, weil sie unstrukturiert sind. Genau darin liegt die Stärke von Sprachmodellen. „Bei welchen Artikeln häufen sich Rücksendungen – und mit welcher Begründung?“ ist eine Frage an den Einkauf, nicht ans Marketing.
Anfragen, die bereits sortiert ankommen: Eingehende Kontakt- und Supportformulare lassen sich einordnen, der richtigen Abteilung zuweisen, nach Dringlichkeit bewerten und mit einem Antwortentwurf versehen. Abgeschickt wird nichts, ein Mensch drückt auf Senden.
Die Website, die man einfach fragen kann
Hier wird es für den Arbeitsalltag am spürbarsten. Weil eine Website ihre Vorgänge maschinenlesbar bekanntgeben kann, lässt sie sich von einem KI-Assistenten befragen.
Nicht bloß „Status von Bestellung 4521?“, sondern:
- „Wann ist die Retoure von Frau Müller eingetroffen, wann wurde die Erstattung ausgelöst?“
- „Welche Rücksendungen sind diese Woche eingegangen, aber noch nicht erstattet?“
- „Fasse mir die Bestellnotizen zu dieser Reklamation in drei Sätzen zusammen.“
Heute bedeutet jede dieser Fragen: Backend öffnen, Kundin suchen, Notizen durchscrollen, den Zahlungsdienstleister in einem zweiten Tab prüfen. Drei bis fünf Minuten, mehrmals täglich, von Menschen, die Besseres zu tun haben.
Vorausgesetzt ist, dass das jeweilige System – der Shop, das CRM, die Warenwirtschaft – seine Vorgänge in das Verzeichnis einträgt. Genau daran arbeitet das Ökosystem gerade. Die Steckdose ist da, die Geräte kommen.
Nebeneffekt, den man leicht übersieht: Eine Website, die ihre eigenen Vorgänge beschreibt, kann sie auch erklären. „Wie löse ich eine Teilerstattung aus?“ beantwortet nicht mehr die Schulungsunterlage von vorletztem Jahr, sondern das System selbst.
Wiederkehrende Abläufe, einmal beschrieben
Der stärkste Hebel liegt nicht in fertigen Plugins, sondern in den Eigenheiten des jeweiligen Betriebs. Jede Organisation hat Abläufe, die sich hundertmal wiederholen und die niemand je aufgeschrieben hat.
Ein Beispiel aus der Projektpraxis: Ein Kundenbriefing kommt herein, als Formular, als E-Mail, als Word-Datei. Daraus entsteht ein Seitenentwurf mit passender Struktur, den richtigen Bausteinen und einem ersten Textgerüst. Nicht fertig. Aber statt eines leeren Blattes steht dort ein Entwurf, an dem man arbeiten kann.
Solche Abläufe lassen sich als benannte Fähigkeit hinterlegen. Einmal beschrieben, danach von überall aufrufbar: aus dem Editor, aus einem Assistenten, aus einer nächtlichen Automatik.
Ein berechtigter Einwand gegen KI im Webdesign lautet: Sie produziert Beliebiges. Genau hier liegt der Trick der neuen Architektur. Wenn eine KI ausschließlich die im Theme hinterlegten Bausteine, Farben, Abstände und Schriften verwenden darf, dann kann sie das Corporate Design nicht brechen. Die Beschränkung ist das Feature.
Viele Websites auf einmal
Für alle, die mehr als eine Website betreiben (mehrere Standorte, mehrere Marken, mehrere Mandanten), ist das die folgenreichste Aussicht. Weil jede Website ihre Fähigkeiten in derselben Form bekanntgibt, lassen sich viele von einer Stelle aus ansprechen:
- „Aktualisiere die Anschrift im Impressum auf allen Websites.“
- „Auf welchen Seiten läuft noch die alte Cookie-Lösung?“
- „Welche Standorte haben seit einem Jahr keinen neuen Inhalt bekommen?“
Aus dreißig Vorgängen wird einer, jeweils im Rahmen der geltenden Rechte auf der Site.
Wenn die Assistenten Ihrer Kunden fragen
Ein Gedanke zum Schluss, der heute noch ungewohnt klingt und in zwei Jahren selbstverständlich sein könnte: Nicht nur Ihre Mitarbeiter werden mit KI-Assistenten arbeiten. Ihre Kunden auch.
Wenn deren Assistent fragt „Ist Artikel 4711 in Größe 50 lieferbar, wie lange dauert die Lieferung, und wie ist die Rückgabefrist?“, entscheidet sich, ob Ihre Website darauf eine verlässliche Antwort liefert, oder ob er sie sich aus Ihrem Quelltext zusammenreimt und dabei falsch liegt.
Bisher hat man dafür Auszeichnungen im Quelltext hinterlegt, die Suchmaschinen lesen können. Fähigkeiten sind die nächste Stufe: Sie können aufgerufen werden. Auffindbarkeit wird künftig nicht mehr nur bedeuten, bei Google weit oben zu stehen.
Die stille Pointe: vieles davon braucht gar keine KI
Ein sauber beschriebenes, rechtegeprüftes Fähigkeitsverzeichnis ist ein Anschluss für jede Software: für Automatisierungswerkzeuge, für die Warenwirtschaft, für die Buchhaltung, für ein zweites Plugin, das die Funktionen eines ersten mitbenutzt, ohne dessen Code zu kennen.
Gut möglich, dass der größte praktische Gewinn dieser Neuerung am Ende gar nicht „KI“ heißen wird, sondern schlicht: verlässliche Automatisierung.
Und wer passt auf?
Die naheliegende Sorge lautet: Was, wenn die KI etwas kaputt macht?
Die Antwort steckt in der Architektur. Jede Fähigkeit, die eine Website bekannt gibt, trägt eine Rechteprüfung mit sich, und zwar keine neu erfundene, sondern die bestehende Rollen- und Rechteverwaltung von WordPress. Eine KI bekommt keine Sonderrechte. Sie bekommt eine Rolle, wie ein Mitarbeiter: lesen, aber nicht ändern. Oder Entwürfe schreiben, aber nicht veröffentlichen. Oder Bestellungen einsehen, aber nicht erstatten.
Der Unterschied zu allen bisherigen KI-Werkzeugen ist entscheidend: Es geht nicht darum, einer KI zu sagen, sie solle etwas nicht tun. Sie kann es nicht, weil ihr die Fähigkeit schlicht nicht freigegeben ist.
Bemerkenswert ist, was WordPress bewusst nicht getan hat: Der letzte Schritt – eine KI, die selbstständig entscheidet, welche Handlung sie ausführt, bis eine Aufgabe erledigt ist – wurde nicht mitgeliefert. Die Bausteine dafür liegen bereit, der Automatismus fehlt absichtlich. Wer ihn will, muss ihn selbst bauen und die Verantwortung dafür übernehmen. Das ist keine Lücke, sondern eine Haltung.
Was heute noch fehlt
Damit aus der Aussicht Alltag wird, fehlen drei Dinge:
Die Plugins. Die Infrastruktur ist da, die Anwendungen entstehen gerade erst. Wer heute produktiv etwas will, das über die offiziellen Grundfunktionen hinausgeht, braucht in aller Regel eine individuelle Umsetzung.
Die Kostenkontrolle. Jede Anfrage an ein Sprachmodell kostet Geld. WordPress bringt von Haus aus keine Verbrauchsanzeige, kein Kontingent, keine Obergrenze mit. Wer KI produktiv einsetzt, braucht diese Schicht. Sie muss ergänzt werden.
Die Protokollierung. Welche Handlung wurde wann, von wem, mit welchem Modell ausgelöst? Für den Nachweis, dass ein Ergebnis KI-erzeugt ist, und für die Fehlersuche ist das keine Kür.
Dazu kommt der Datenschutz: Sobald eine Verbindung zu einem Anbieter eingerichtet ist, gehen Inhalte an dessen Server. Auftragsverarbeitung, Serverstandort, Ausschluss vom Training, die bekannten Fragen. Der Vorteil der neuen Architektur ist, dass man sie einmal beantworten muss statt für jedes Plugin einzeln. Und dass sich auch europäische oder selbst betriebene Modelle anbinden lassen.
Was Sie jetzt tun sollten
WordPress 7.0 verändert an Ihrer Website nichts, solange keine Verbindung zu einem KI-Anbieter eingerichtet ist. Es fließen keine Daten, es entstehen keine Kosten.
Die eigentliche Vorarbeit ist keine technische. Die entscheidende Frage lautet nicht „Welches KI-Plugin installieren wir?“, sondern: Welche wiederkehrenden Vorgänge in unserer Redaktion, unserem Shop, unserem Support sind so klar beschreibbar, dass man sie überhaupt an jemanden delegieren könnte, ob Mensch oder Maschine?
Wer diese Liste hat, ist vorbereitet. Denn genau das ist es, was künftig als Fähigkeit hinterlegt wird. Alles Weitere ist Zusammensetzen.
Fazit
Der Reiz von WordPress 7 liegt nicht in dem, was man heute damit anklicken kann. Er liegt darin, dass eine gemeinsame Grundlage existiert, auf der sich sinnvolle Dinge bauen lassen – und zwar so, dass sie prüfbar, begrenzbar und abschaltbar bleiben.
Die spannendsten Anwendungen sind noch nicht geschrieben. Das bedeutet übrigens nicht, dass WordPress spät dran wäre. Was andere CMS können, kann WordPress schon lange.
David Damjanovic betreibt seit 2004 eigene Websites, arbeitet seit 2006 mit WordPress und hat 2011 die WordPress Agentur wp-agentur gegründet, eine der ersten in D-A-CH.







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